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Wo
liegt die
Ursache für Homosexualität?
Zahllose Wissenschaftler haben sich
über diese
Frage schon
die Finger wundgeschrieben.
Seit über
100 Jahren wird diskutiert: Ist Homosexualität
durch
"Umwelteinflüsse" erworben oder anlagebedingt,
also angeboren?
DIE WISSENSCHAFT WEISS NICHT VIEL
Lange
Zeit war die Verführungstheorie populär. Man glaubte, insbesondere
Jugendliche könnten durch homosexuelle Kontakte auf die schiefe
Bahn geraten, "umgeprägt" und damit schwul oder lesbisch werden.
Die Sexualwissenschaft hat die Verführungstheorie in den Bereich
der Ammenmärchen verbannt. Auf so einfachem Wege formt sich keine
sexuelle Identität. Warum sollten Jugendliche - einmal an der Homosexualität
genascht - plötzlich immun werden gegen die tagtägliche Präsenz
heterosexueller Leitbilder in der Familie, im Freundeskreis und
in den Medien? Alle paar Jahre kommt in der Wissenschaft eine neue
Mode-Theorie auf, die von sich behauptet, die Ursache entschlüsselt
zu haben.
Alles mögliche wurde bereits für die Entstehung von Homosexualität
verantwortlich gemacht: von Hormonstörungen bis hin zu einem "untypischen
Körperbau", z.B. einem breiten Becken beim Mann. Psychologen suchten
die Ursache fürs Schwulsein in einer ungewöhnlich starken Mutterbindung.
1993 machte die Nachricht die Runde, im menschlichen Erbgut sei
das "Schwulen-Gen" entdeckt worden. Andere Gen-Forscher bestreiten
dagegen heftig dessen Existenz. Nur über eines sind sich die meisten
Wissenschaftler einig: Die sexuelle Ausrichtung liegt sehr frühzeitig
fest, lange vor der Pubertät. Ob wir homosexuell oder heterosexuell
sind, liegt außerhalb unserer Einflußmöglichkeiten und unseres Willens.
Eltern müssen sich nicht vorwerfen, sie hätten etwas "falsch gemacht".
Ebensowenig muß jemand Angst haben, sein Kind könnte zur Homosexualität
"verführt" werden.
"UNHEILBARE" HOMOSEXUALITÄT 
Homo-
oder Hetero-
sexualität sind keine bloßen sexuellen
Gewohn-
heiten, sondern tief in der
Persönlichkeit verwurzelte Muster der Gefühle und Empfindungen.
Ein so tiefgreifendes und umfassendes Persönlichkeitsmerkmal läßt
sich vermutlich nie auf eine einzige Ursache zurückführen. Die meisten
Schwulen und Lesben interessieren sich ohnehin nicht sehr für die
Ursachen. Sie haben keinerlei Bedürfnis, "geheilt" zu werden. Alle
Ursachenforschung hat den Zweck, Homosexualität "wegzumachen". Die
Geschichte
der Medizin ist voller grauenhafter "Umpolungsversuche". Im Nationalsozialismus
haben SS-Ärzte an schwulen KZ-Häftlingen Hormonexperimente und entsetzliche
Quälereien vorgenommen. Später versuchte die Verhaltenstherapie,
Homosexuelle mit Elektroschocks auf heterosexuell zu dressieren.
In den 70er Jahren wurden sogar chirurgische Eingriffe im Gehirn
vorgenommen. Ein vermeintliches "Sexualzentrum" wurde mit einer
Sonde ausgebrannt. Alles ohne Erfolg. In Deutschland sind solche
brutalen Methoden heute nicht mehr im Gebrauch. Aber immer noch
versprechen manche Ärzte, Heilpraktiker oder Psychologen, Homosexualität
zu "heilen". Vorsicht! Wer an seiner Homosexualität herumdoktern
läßt, läuft Gefahr, wirklich krank zu werden.
WAS IST EIGENTLICH ERKLÄRUNGSBEDÜRFTIG?
Homosexualität
ist ein Aspekt der äußerst vielgestaltigen menschlichen Sexualität.
Homosexualität ist den Schwulen und Lesben so selbstverständlich
wie der Bevölkerungsmehrheit die Heterosexualität. In allen Kulturen
und Epochen der Weltgeschichte findet man Menschen, deren Gefühle
und sexuelle Wünsche sich auf das eigene Geschlecht richten. Homosexualität
gehört zu den Möglichkeiten des Menschengeschlechts. Erklärungsbedürftig
ist somit nicht die Homosexualität. Erklärungsbedürftig ist vielmehr,
warum in unserer Gesellschaft immer noch viele Menschen Schwule
und Lesben verachten und anfeinden.
VERMEHREN SICH DIE HOMOSEXUELLEN?
Mancher
hat den Eindruck, der Anteil der Schwulen und Lesben in unserer Gesellschaft
würde ständig zunehmen. Es gibt aber Anzeichen dafür, daß der Prozentsatz
der Menschen, die ausschließlich homosexuell empfinden, über verschiedene
Epochen hinweg eher konstant ist. Vor wenigen Jahren noch war für
die meisten Schwulen und Lesben ein "offenes
Auftreten" ebensowenig vorstellbar wie ein Zusammenleben als Paar.
Enttarnung hätte das soziale "Aus" bedeutet. Heute trifft man immer
öfter auf homosexuelle Paare: in Fernsehserien, beim Betriebsausflug
oder beim Einkaufen auf dem Wochenmarkt. Was sich geändert hat, ist
nicht die Zahl, sondern der gesellschaftliche Status. |