[Homo-historische Trends]


Manche halten Homosexualität für eine Dekadenz- erscheinung der westlichen Kultur. Ein Blick über den Tellerrand zeigt aber: Homosexualität ist auf dem ganzen Globus verbreitet, gerade bei sogenannten "Naturvölkern". Völkerkundler haben beobachtet, daß die meisten Gesellschaften - einer Statistik zufolge etwa 64 % - bestimmte Formen gleich- geschlechtlicher Liebe tolerieren oder befördern.


ANDERE LÄNDER, ANDERE SITTEN

In einigen Regionen Westafrikas gehörte es zur Ausbildung zum Erwachsenwerden, daß Mädchen sexuelle Kontakte mit älteren Frauen haben. Die Azande, ein Volk im südlichen Sudan, unterhielten ein stehendes Heer aus unverheirateten jungen Männern. Diese jungen Krieger "heirateten" Jugendliche und lebten mit diesen, bis sie den Brautpreis für eine Ehefrau zahlen konnten. Die Jugendlichen hatten eine Doppelfunktion als Geschlechtspartner und Kriegsknappe. Waren sie alt genug, um in das Kriegerkorps aufgenommen zu werden, suchten sie sich ihrerseits für eine bestimmte Zeit eine "Knabenfrau". Solche Formen des "pädagogischen Eros" sind auf der Erdkugel weit verbreitet, besonders bei Kriegervölkern. Die sogenannte "Knabenliebe " im alten Griechenland gehört ebenso zu diesem Muster wie die sexuellen Praktiken mancher osmanischer Sultane.

Im westlichen Kulturkreis gibt es als fraglose Selbstverständlichkeit, daß es "von Natur aus" zwei Geschlechter gibt. Viele Völker sind da anderer Meinung, dort gibt es weitere "alternative Geschlechtskategorien". Man macht Geschlecht nicht am biologischen Unterschied fest, sondern am gesellschaftlichen Rollenverkalten.Die indianischen Völker Nordamerikas kannten eine Art Zwischengeschlecht: Männer, die sich als Frau fühlten, das Leben der Frauen teilten, sich wie diese kleideten sowie traditionelle Frauenarbeit verrichteten. Sie hatten nicht untereinander, wohl aber mit den "wahren" Männern des Stammes Geschlechtsverkehr. Ebenso gab es Frauen, die Männertracht trugen, mit auf die Jagd und in den Krieg zogen, oft mit Frauen zusammenlebten und diese mitunter förmlich heirateten. Solche "Two-spirit-people", von den Völkerkundlern Berdachen genannt, wurden toleriert, oft sogar geachtet, weil man ihnen besondere spirituelle Kräfte zuschrieb.

Diese Formen sogenannter "institutionalisierter Homosexualität" ließen das Mann-Frau-Schema unangetastet. Weder der unmündige Azande-Knabe noch der indianische Berdache galten gesellschaftlich als Mann. Sie hatten - zumindest offiziell - beim Sex den passiven, empfangenden Part zu spielen. Männer, die mit ihnen verkehrten, erhielten dadurch keinerlei Makel oder Sonderstatus. Mit unserem heutigen Verständnis von homosexueller Liebe und sexueller Selbstbestimmung hat das alles wenig zu tun. Das schwule Studentenpaar aus Münster trennt eine tiefe kulturelle Kluft von den Azande, ebenso die Lesbengruppe Düsseldorf von den Kriegerfrauen der Siox.



DAS CHRISTLICHE ABENDLAND

Der christlich-abendländische Kulturkreis gehört zur Minderheit der Gesellschaften, die keinerlei sozial akzeptierte Ausdrucksform von Homosexualität kannten. Jede gleichgeschlechtliche Betätigung galt seit der Spätantike als schwere "Sünde wider die Natur". Die mittelalterliche Kirche belegte Homosexualität mit schwersten Bußen. Weltliche Gesetze drohten den Tod durch Verbrennen an. Erst ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Todesstrafe durch harte Gefängnisstrafen abgelöst.

Vielleicht war diese totale Ächtung homosexuellen Verhaltens, die kein Ventil bot, mit ein Grund dafür, daß sich in der westlichen Welt die Minderheit der Schwulen und Lesben herausbildete: Eine eigene Gemeinschaft im Untergrund. Seit dem 17. Jahrhundert sind in
europäischen Großstädten männlich-homosexuelle Subkulturen nachweisbar: Kontaktnetze, Kneipen und Treffpunkte, heimliche Erkennungszeichen, Zusammengehörigkeitsgefühl. Lesben war dieser Weg lange versperrt. Sie waren wie alle "anständigen Frauen" an Heim und Herd gefesselt. Nur wenigen gelang der Ausbruch. Erst im 20. Jahrhundert ergab sich auch für Lesben die Möglichkeit, eine Subkultur aufzubauen.

Schwule und Lesben bilden eine neue Ausdrucks-
form von Homo-
sexualität
, die sich nicht den traditionellen Rollen-
verteilungen der Geschlechter unterwirft, sondern die Utopie der Gleichberechtigung in sich trägt. Frau liebt Frau und Mann liebt Mann jeweils in der Ganzheit des einen Geschlechts. Lesben und Schwule sind damit echte Kinder der neuzeitlich-bürgerlichen Gesellschaft, der Urbanisierung, Individualisierung und Demokratisierung. Sie verkörpern das bürgerliche Recht auf Privatheit und Selbstbestimmung.


 

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