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Ist
Homosexualität denn nicht Sünde? Viele Menschen lehnen Schwule und
Lesben aus einer christlichen Überzeugung heraus ab. Über viele
Jahrhunderte haben die Kirchen Homosexualität unter Berufung auf
die Bibel verurteilt. Heute glauben viele Theologen, daß die Bibel
keinerlei Verdammung gleichgeschlechtlicher Liebe im heutigen Verständnis
enthält.
HOMOSEXUALITÄT UND RELIGION
Die
Katholische Amtskirche hält an ihrer Ablehnung von Homosexualität
fest. Allerdings betont selbst der Vatikan - vielleicht etwas scheinheilig
-, es sei "nachdrücklich zu bedauern, daß homosexuelle Personen
Objekt übler Nachrede und gewalttätiger Aktionen waren und weiterhin
noch sind." Für den Vatikan gilt aber: "Einzig und allein in der
Ehe kann der Gebrauch der Geschlechtskraft moralisch gut sein."
Die homosexuelle Veranlagung selbst wird zwar nicht als sündhaft
angesehen, wohl aber das homosexuelle Verhalten. Der Weltkatechismus
nennt gleichgeschlechtliche Handlungen eine "Abirrung", die "in
keinem Fall zu billigen" sei. Freilich wollen längst nicht mehr
alle katholischen Theologen, Priester und Bischöfe der harten Haltung
des Papstes folgen. Basisbewegungen wie das "Kirchenvolksbegehren"
wenden sich gegen die Verurteilung von Homosexualität.
In den Evange-
lischen
Kirchen ist die Diskussion viel weiter. Zwar gibt es auch dort
noch Stimmen, die Homo-
sexualität als Verstoß gegen "Gottes Wort" betrachten. Die Tendenz
geht aber in eine andere Richtung. Die Evangelische Kirche im Rheinland
hat sich aus-drücklich von "zwei Jahrtausenden schlimmster ... Verfolgungen
homosexuell liebender Menschen durch die Kirche" distanziert. Sie
hat zudem beschlossen, "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Pfarrerinnen
und Pfarrer wegen ihrer Homosexualität
nicht zu benachteiligen". Die Synode der Evangelischen Kirche von
Westfalen formulierte es als "Aufgabe der Kirche", dazu "beizutragen",
daß Lesben und Schwule ihre besondere Prägung ohne Furcht öffentlich
machen können und daß homosexuelle Beziehungen nicht versteckt werden
müssen."
Im Islam gibt es keine vergleichbare theologische Diskussion
über Homosexualität. Die konventionelle islamische Bewertung von
Sexualität geht von einem klaren Machtverhältnis zwischen den Geschlechtern
aus: männliche Dominanz und weibliche Unterordnung. Die Ehe ist
auf Fortpflanzung angelegt und folgt keinem Ideal der romantischen
Liebe nach westlichem Verständnis. In der orthodoxen Koran-Auslegung
gilt Homosexualität als große Sünde, als Verstoß gegen die göttliche
Ordnung. Der persönliche Glaube sieht das oft anders. Viele Muslime
verstehen den Islam als eine tolerante Religion. Der individuelle
Gott kann gnädiger sein, als mancher Imam verkündet. In einer Radiosendung
drückte das ein junger Schwuler türkischer Herkunft so aus: "Also
ich weiß, daß der Islam sehr tolerant ist und ich denke mir, daß
da auch ein Platz für Schwule sein kann."
AIDS UND DIE SCHWULEN
Schwule
Männer sind in Deutschland nach wie vor am stärksten von AIDS betroffen.
Dennoch ist AIDS keine "Schwulenkrankheit". Als die Immunschwächekrankheit
Anfang der 80er Jahre bekannt wurde, sprachen manche von der "Strafe
Gottes" für die Sünde Homosexualität . Auch weniger religiöse Publizisten
vertraten die Meinung, die Schwulen würden nun die Quittung für ihr
"wildes Treiben" kassieren. Die weiteren Entwicklungen bei AIDS haben
solches Gerede weitgehend verstummen lassen. Die Homosexuellen bilden
zwar in Nord- und Westeuropa die Hauptbetroffenengruppe. In anderen
Regionen sieht die Lage bei AIDS ganz anders aus. Beispiel Afrika
südlich der Sahara: Dort ist der heterosexuelle Geschlechtsverkehr
der bei weitem
wichtigste Übertragungsweg.
AIDS hat das Leben aller Schwulen massiv verändert. Die meisten
schwulen Männer haben Menschen mit HIV oder AIDS in ihrem Freundes-
und Bekanntenkreis. Jeder mußte sich mit dem Thema AIDS, mit Krankheit
und Tod auseinandersetzen. Bei den Schwulen in Deutschland war die
Strategie der AIDS-Verhütung erfolgreich, durch Aufklärung zu freiwilligen
Verhaltensänderungen zu gelangen. Sexualwissenschaftliche Erhebungen
belegen: Es haben tiefgreifende Veränderungen im Sexualverhalten hin
zu safer sex stattgefunden. Die Neuinfektionsrate konnte dadurch drastisch
gesenkt werden. Die angeblich verantwortungs- und bindungslosen Homosexuellen
haben ein dichtes Solidarnetz zur Unterstützung von Menschen mit HIV
und AIDS geknüpft. Viele Schwule engagieren sich ehrenamtlich in der
AIDS-Arbeit, in AIDS-Hilfen,
bei Pflegediensten und in der Spendensammlung für AIDS-Projekte.
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