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Wer
stopft beim schwulen Paar eigentlich die Strümpfe? Es ist ein weit
verbreiteter Aberglaube, daß in einer homosexuellen Beziehung einer
den Mann, der andere die Frau spielen würde. Die Wirklichkeit sieht
anders aus. Bei schwulen und lesbischen Paaren kommt eine Aufgabenverteilung
entlang der traditionellen Geschlechtsrollen kaum vor. Das gilt
für den Alltag - Haushalt und Beruf - genauso wie für die Sexualität.
Im homosexuellen Ehebett gibt es selten feste Rollenzuweisungen.
JENSEITS DER NORMALBIOGRAPHIE
Wohlmeinende behaupten, der einzige Unterschied zwischen Homo und
Heterosexualität liegt darin, mit wem man oder frau ins Bett
steigt. So einfach ist das nicht. Lesben und Schwule sind anders,
denn sie machen andere Lebenserfahrungen als die Bevölkerungsmehrheit.
Der Anthropologe Marvin Harris meint, Schwule und Lesben haben sich
"zu einer eigenen Gemeinschaft entwickelt, die stark an eine
... ethnische Minderheit erinnert."
Es gibt für sie keinen vorgezeichneten Weg, keine "Normalbiographie".
Das Coming-out erfordert
eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und
Geschlechtsrolle. Schwul oder lesbisch - das wird einem nicht in
die Wiege gelegt, das muß man sich hart erarbeiten. Schwule und
Lesben müssen sich Solidarstrukturen jenseits der Mehrheitsgesellschaft
aufbauen. Sie scharen deshalb nach und nach eine "Wahlfamilie" um
sich, ein Beziehungsgeflecht aus nahen lesbischen Freundinnen und
schwulen Freunden. Diese Wahlverwandtschaften bilden ein ähnlich
tragfähiges Netz für Freud und Leid wie es bei Heterosexuellen oft
nur die "Blutsverwandtschaft" leistet.
Die Welt der Homosexuellen hat ihre eigenen Normen. In der schwulen
Sub herrscht ein
sehr lockeres Verhältnis zum Sex,
das manchen Außenstehenden schockiert. Die lesbische Szene kennzeichnet
eine bewußte Abwendung von der männerdominierten Mehrheitskultur
und ein frauenbezogenes Leben. Schwule und Lesben pflegen ihren
eigenen Sprachcode, der nicht selten Klischees
augenzwinkernd aufgreift und ironisiert. Lesben und Schwule haben
besondere kulturelle Vorlieben bei Film, Musik und Showgeschäft.
Aber das sind natürlich nur Trends. Es gibt keinen schwul-lesbischen
Norm-Lebensstil oder Einheitsgeschmack. Gerade für Homosexuelle
gilt die rheinische Lebensweisheit: Jeder Jeck ist anders.
WORAN ERKENNT MAN SCHWULE UND LESBEN?
Meist
gar nicht. Viele Lesben und Schwule bevorzugen ein Outfit, das absolut
Schwiegermütter-tauglich ist und nichts Spektakuläres an sich hat.
Die sogenannte "Lederszene" der Schwulen legt dagegen bei der Freizeitkluft
besonderen Wert auf ein betont männliches Auftreten: Stiefel, Jeans,
Leder. Bewegungslesben verweigern sich oft bewußt kommerziellen
Modediktaten. Daneben gibt es auch Schwule und Lesben, die gerne
mit Versatzstücken der traditionellen Geschlechtsrollen jonglieren.
Als "Tunten", "Transen" oder "Kesse Väter" spielen sie verkehrte
Welt.Die Kultur der Schwulen und Lesben ist vielfältig. Sie geht
von mausgrau bis knallbunt.

SCHWUL=LESBISCH?
Schwule
und Lesben teilen die Liebe zum gleichen Geschlecht. Sie erfahren
ähnliche rechtliche Diskriminierungen. Ansonsten sind die Welten
der Lesben und Schwulen mitunter recht verschieden. Coming-out
wird Lesben schwerer gemacht als Schwulen. Sie müssen nicht nur
mit Anfeindungen
wegen der Homosexualität fertigwerden, sondern auch mit der Benachteiligung
als Frau. Die ungleiche Verteilung von Macht, Geld und Einfluß zwischen
den Geschlechtern spiegelt sich in gewissem Maße auch im Organisationsgrad
von Schwulen und Lesben wider. Es gibt ein Vielfaches an Schwulenbars
gegenüber Lesbenkneipen. Schwule Zeitschriften erscheinen weit auflagenstärker
als Lesbengazetten. Lesben-Engagement im Rahmen der Frauenbewegung
wird oft nicht als solches wahrgenommen.
Schwulen wird in der Öffentlichkeit weit mehr Beachtung geschenkt
als Lesben, im positiven wie negativen. Der berüchtigte §
175 stellte nur männliche Homosexualität unter Strafe. Die Straffreiheit
der Frauenliebe hatte nichts mit Toleranz zu tun, sondern mit Geringschätzung
der Frau und Ignoranz gegenüber weiblicher Sexualität. Männliche
Homosexualität wird seit jeher stärker als Bedrohung der kulturellen
Ordnung wahrgenommen. Sie hat Verfolger wie Verteidiger meist mehr
mobilisiert. Lesben haben dagegen immer damit zu kämpfen, daß sie
totgeschwiegen werden.
Selbst die Wissenschaft hat sich mit Lesben viel seltener beschäftigt
als mit Schwulen. Das schlägt sich auch in dieser Website nieder.
Wenn manche Passagen über Lesbisches Leben kürzer und
vage ausfallen, dann liegt das am lückenhaften Forschungsstand.Über
schwule Lebensformen weiß man besser Bescheid. Das liegt allerdings
nicht alleine an der Männerdominanz im Wissenschaftsbetrieb,
sondern vor allem an der Krankheit AIDS.
Aus Gründen der AIDS-Verhütung
interessierten sich plötzlich auch staatliche Stellen für die Lebenssituation
der Schwulen, weshalb in den vergangenen Jahren einige (bescheidene)
öffentliche Mittel speziell für Schwulenforschung geflossen sind.
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