[Was heisst Homosexualität?]

Auf zur Expedition ins Reich der Lesben und Schwulen! Wie verhält sich der Homosexuelle in seiner natürlichen Umgebung? Was wissen wir über sein Sozial- und Paarungs- verhalten?


DIE SUBKULTUR

Wo trifft die Lesbe ihre Mitlesben, wo findet der Schwule den Schwulen? In der Subkultur. Subkultur oder kurz "Sub" bezeichnet die Gesamtheit der Begegnungsstätten wie Cafés, Bars, Diskotheken für Lesben und Schwule. Die Sub ist häufig nach Geschlechtern getrennt. Zunehmend sind schwul-lesbische Lokalitäten aber auch für Heterosexuelle offen: "Gemischtes Publikum" ist erwünscht. Neben der Kneipen- und Disco-Landschaft hat sich aus der schwulen und lesbischen Emanzipationsbewegung eine alternative Subkultur entwickelt: Kommunikationszentren, Buchläden, Beratungseinrichtungen, Jugendgruppen, lesbisch-schwule Sportvereine und vieles mehr. Zur Subkultur gehören im schwulen Sektor auch Treffpunkte, die vor allem sexuellen Kontakten dienen, wie Klappen (öffentliche Toiletten), Saunen, Parks.


DER SEX

Die amerikanische Schriftstellerin Rita Mae Brown meint: "Ich glaube, Schwule und Lesben sind wie Blondinen; es gibt weniger von ihnen, aber sie haben mehr Spaß." Sexualwissenschaftliche Befragungen ermittelten bei Lesben in der Tat ein besonders hohes Maß an "sexueller Zufriedenheit". In der Zahl ihrer Sexualpartner-(innen) unterscheiden sich Lesben nicht sehr von ihren Hetera-Geschlechtsgenossinnen. Lesben legen meist großen Wert auf die Verbindung von Sex und personaler Intimität. "Anonymer Sex" und rascher Partnerinnenwechsel sind selten.

Schwule erweisen sich dagegen als "echte Kerle". Sie haben im Durchschnitt mehr Sexualpartner als Hetero-Männer. In der schwulen Subkultur gilt häufiger Wechsel der Sexpartner nicht als anstößig. Mann ist unter sich und kommt schnell zur Sache. Verborgene Treffpunkte wie nächtliche Parkanlagen boten in der Zeit scharfer staatlicher Verfolgung fast die einzige Gelegenheit, (anonyme) sexuelle Kontakte zu knüpfen. Heute gehören sie als eine Möglichkeit sexueller Begegnung weiter zur schwulen Welt. Das hat übrigens nichts mit Prostitution zu tun. Im Schwulen-Park herrscht kein finanzielles, sondern gegenseitiges sexuelles Interesse.

Und wie steht`s mit den Sexualpraktiken? Es gibt beim schwulen oder lesbischen Sex praktisch nichts, was nicht auch unter Heterosexuellen stattfinden würde. Nur die Vorlieben für die einzelnen Spielarten sind statistisch etwas unterschiedlich verteilt.


DIE LIEBE


Unter Homosexuellen besteht eine ausgeprägte Tendenz, feste Freundschaften einzugehen. Nahezu 60 % der Schwulen leben in einer festen Beziehung mit einem Mann.Der Sexualwissenschaftler Mertin Dannecker meint dazu: "Dies ist ein hoher Anteil angesichts des Mangels an sozialer und rechtlicher Anerkennung, unter dem homosexuelle Partnerschaften in Deutschland auch gegenwärtig noch zu leiden haben." Zudem erklären in Befragungen über 70 % der homosexuellen Männer eine feste Beziehung zu der Lebensform, in der sie am liebsten leben möchten. Ein beträchtlicher Teil der schwulen Paare versteht sich als monogam. Recht häufig findet man aber auch den Typus der "offenen Beziehung", die Sexualkontakte neben dem festen Freund relativ undramatisch zuläßt. In diesen Beziehungen legt man mehr Wert auf seelische denn auf sexuelle Treue. Bei Lesben ist der Trend zu festen Bindungen noch ausgeprägter. Zweidrittel leben in Zweierbeziehungen. Eine Partnerin zu haben, steht bei den Wünschen fürs Leben ganz oben auf der Liste.


WIEVIELE HOMOSEXUELLE GIBT ES ÜBERHAUPT

Homosexuelle sind eine Minderheit, die sich der statistischen Erfassung weitgehend entzieht. Das Merkmal "Homosexualität" steht nicht im Paß. Für Deutschland fehlt bislang eine umfassende sexualwissenschaftliche Erhebung. Dafür wurden in den letzten Jahren in den USA, Großbritannien und Frankreich umfangreiche Untersuchungen über das Sexualverhalten durchgeführt. Die Ergebnisse lassen sich weitgehend auf deutsche Verhältnisse übertragen:

Wissenschaftler vertreten heute die Einschätzung, daß sich in den westlichen Gesellschaften etwa 3 % der über 20jährigen Männer selbst als homosexuell verstehen und damit eine "homosexuelle Identität" haben. Zusätzlich zu den 3 % Schwulen weisen weitere 3 % der Männer in ihrer Biographie längere bisexuelle Phasen auf oder gehen über einen längeren Zeitraum gleichgeschlechtliche Sexualkontakte ein.

Die Verbreitung lesbischer Identitäten ist weniger gut erforscht. US-Sexualwissenschaftler wollen herausgefunden haben, daß gleichgeschlechtliche Sexualkontakte wie auch die Ausbildung "homosexueller Identität" unter Frauen etwas seltener verkommen als unter Männern.

Der Mensch experimentiert gerne. Neben den Homo -und Bisexuellen sammelt auch manch Heterosexueller gelegentlich gleichgeschlechtliche Erfahrungen. Es gibt mehr Homosexualität auf der Welt, als es Schwule und Lesben gibt. Für Sex mit dem gleichen Geschlecht muß man nicht homosexuell sein. Für die Liebe freilich schon.

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